Dr. Dörte Gunderson

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Die philosophische Zeit als im Leben des Menschen verankerte Idee

Zusammenfassung

Die Basis für den hier vorgeschlagenen Begriff der Zeit ist der lebende Mensch. Ich sehe eine Entsprechung des Begriffs der Zeit zu den Begriffen des Schönen und Guten. Die beiden letzteren sind platonische Ideen, die ich, im Gegensatz zu Plato, im Leben des Menschen verankern möchte. Es schließen sich einige Folgerungen aus dem vorgeschlagenen Zeitbegriff an.

Abstract

The foundation for the concept of time, which is proposed here, is the living human being. I see a correspondence between the concept of time and the concepts of beauty and good. The latter are platonic ideas, which I, in contrast to Plato, should like to anchor in the life of human being. Finally I give some consequences of the proposed concept of time.

Die Basis der Philosophie ist für mich der lebende Mensch. Der lebende Mensch ist mitsamt der Welt im Wandel begriffen. Nicht das Heideggersche Sein ist der Ausgangspunkt, sondern der Wandel, das Währen. So wie der Begriff der physikalischen Zeit auf Bewegungen beruht, beruht der Begriff der philosophischen Zeit auf dem Leben. Im Leben des Menschen und durch das Leben des Menschen konstituiert sich Zeit. J.L. Borges beschreibt die Zeit poetisch als Feuer, das den Menschen verschlänge, das der Mensch aber selbst wäre.

Heidegger gelang es nicht, das Sein aus der Zeit verständlich zu machen. Die Zeitlichkeit als Sinn der Sorge, des Sich- vorweg, Immer-schon (in einer Welt), als Sein- bei (innerweltlich begegnendem Seienden) bleibt statisch. Diese Lücke schließt Heidegger später in „Zeit und Sein“, indem er zusätzlich vom Reichen der Zeit spricht. Die physikalische Zeit ist bei meiner Definition ein Aspekt der philosophischen Zeit. Nach dem Nobelpreisträger für Physik Richard R. Muller entsteht die physikalische Zeit ständig neu, und zwar im gegenwärtigen Augenblick. Dies ist mit meinem Begriff der philosophischen Zeit in Übereinstimmung.

Nach Platon existieren die Ideen des Guten und Schönen unabhängig vom Menschen. Man spricht vom platonischen Himmel. Ich möchte abweichend diese Ideen im Leben des Menschen verankern.

Erich Kästners Satz Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. geht über den Begriff des Guten hinaus. Es handelt sich um eine Idee, die im Handeln des Menschen verankert ist.

Nach Heideggers Kunstwerkaufsatz setzt sich das Schöne im Kunstwerk ins Scheinen, und, notwendig damit verknüpft, bringt der Künstler es durch das Kunstwerk ans Licht. Damit verankert Heidegger die Schönheit auf der Erde, nämlich im Leben des Menschen.

Für mich ergibt sich die Zeit als im Leben des Menschen verankerte Idee, die sich im Leben und durch das Leben des Menschen in seiner bunten Fülle konstituiert. Fehlt die Verankerung, so zerplatzt die Idee vergleichbar den losgelassenen gasgefüllten Luftballons beim Aufstieg in den Himmel.

Nicht nur im Leben eines einzelnen Menschen konstituiert sich Zeit, auch im Leben eines Hundes oder eines Baumes.

Die auf dem Leben des Menschen beruhende Philosophie kennt Grenzüberschreitungen. Ein Beispiel ist die Rede vom Jenseits, dem Sein nach dem Tode, denn Sein beruht auf dem Leben. Grenzüberschreitend ist ferner die Rede vom Suchen nach dem Sinn des Lebens. Der Sinn des Lebens wird vom Menschen gesetzt, nicht gefunden. Eine die Logik und Mathematik betreffende Grenzüberschreitung stellt die Annahme des Aktualunendlichen dar. Ein Mensch kann weder faktisch noch mental unendlich viele Schritte durchlaufen. Das Sophisma des Zenon vom Wettlauf Achills mit der Schildkröte ist dann nicht mehr formulierbar.

Zu diesem Thema veröffentlichte ich folgende Aufsätze:

1. Was ist Zeit? In: Sic et Non. zeitschrift für philosophische kultur, Sept. 2002
2. Die Konstitution der Zeit im Leben des Menschen. In: Tabvla rasa- Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken, Okt. 2008